Wen interessiert Nachhaltigkeit, wenn alle Welt nur über Corona spricht?

Vom 30. März 2020 von Dir. Günter Bergauer MBA, Vorsitzender des Ethikbeitrates


Wir müssen gerade jetzt, darüber reden. Wir haben eine länger schon bestehende Krise, über die wir sehr gut Bescheid wissen, nämlich die Klimakrise. Es darf nicht passieren, dass eine unerwartete Krise, wie jetzt Corona – und wir über deren Bekämpfung die bereits anlaufende, noch gravierendere Krise vergessen.

Die Weiterentwicklung unserer Wirtschaftsstruktur in sozialer und ökologischer Sichtweise darf nicht vergessen werden! Investitionen sind wichtig, bei denen wir sowohl die Folgen der Corona-Krise bekämpfen als auch den Klimaschutz voranbringen.

Drei Beispiele: Wir brauchen eine Entwicklung des Verkehrs, um ihn klimafreundlicher zu machen. Da ohnehin unvorstellbar riesige Konjunkturpakete geschnürt werden, könnte für diesen Bereich ein Teil verwendet werden, oder entsprechend gesteuert werden. Bei Gebäuden: Auch da sind ökologische Langfrist-Investitionen in die Sanierung nötig. Grüner  Wasserstoff, würde die Dekarbonisierung in energieintensiven Industrien ermöglichen. In allen drei Bereichen würden neue Jobs, wirtschaftliche Entwicklung mit Klimaschutz und Erfüllung der SDGs 17 einhergehen und die Rezession deutlich abmildern.

Die Gefahr besteht, dass die Krise dazu führt, jegliche ökosoziale Überlegungen zu verwerfen.  Wenn wir bis 2040 bei null Emissionen landen wollen, müssen wir uns anstrengen.  Die Weichen dafür werden jetzt gestellt. Jeder von uns bemerkt, dass die aktuelle Situation in kürzester Zeit unsere Umwelt, Luft- und Wasserqualität etc. verbessert hat. Falls wir in dieser Phase durch das „Nicht Mitdenken der Klimaziele“ Jahre verlieren, weil Staaten in alte Strukturen investieren, ist das Ziel nicht mehr zu schaffen.

Es muss aber so nicht kommen. Wenn etwa die EU die Corona-Bekämpfung verknüpft mit einer möglichst weitreichenden Umsetzung ihres Green Deals, dann wäre das ein Signal an die Weltwirtschaft: Europa nutzt die Krise zur Strukturveränderung in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

Es wird in den nächsten Monaten auch um die Deutungshoheit über die Zukunft gehen. Was die Gesellschaft jetzt sucht, ist Orientierung, sind Wege in eine bessere Zukunft. Und die SDG´s 17 – die Nachhaltigkeitsziele, können und müssen uns begleitend und entsprechend beschrieben werden.

Unsere Lebensweise hat sich schlagartig geändert. Der Klimaschutz ist eng mit unseren Lebensstilen verbunden. Es geht um Lebensqualität, über ein Weniger-ist-mehr. Vielleicht hilft die Corona-Krise dabei, kulturelle Innovationen zu ermöglichen: Lebensstile, die Wohlbefinden mit den Grenzen der Ökosysteme in Einklang bringen.

Wir müssen also darüber nachdenken, wie wir mit solchen Ereignissen umgehen.


In Anlehnung – Interview Süddeutsche Zeitung v 30.03.2020 mit Dirk Messner, Präsident Deutsches Umweltbundesamt